Wort oh wort das mir fehlt

Mit diesen Worten lässt Arnold Schönberg Moses in seiner unvollendet gebliebenen Oper „Moses und Aron“ am Schluss verzweifelt zu Boden sinken. Und es scheint, als habe Schönberg als künstlerische Vaterfigur der Moderne damit den Grundton der spannungsvollen Beziehung zwischen Sprache und Musik im 20. Jahrhundert vorgegeben. Die Fragestellungen verästeln sich dabei. Es bleibt nicht bei einem Hierarchiestreit: was ist wichtiger, was kommt zuerst – Text oder Musik. Und auch nicht bei der Frage, ob man Musik erklären könne, oder gar müsse. Die Moderne wird nach Dada und Serialismus fundamentaler fragen: Warum überhaupt Texte vertonen? Ist Musik ein Ausdruckssystem ähnlich der gesprochenen Sprache? Oder ein Zeichensystem ähnlich der geschriebenen Sprache? Wie sehen die Übersetzungsprozesse heute aus – und vor allen Dingen, wie klingen sie? Denn eines ist klar: die strukturellen, analytischen und dekonstruktiven Ansätze, die seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus diesen Fragestellungen erwachsen, haben das Vokabular der Musik unzählige Male bereichert.

Dieser Bereicherung spürt EL PERRO ANDALUZ in seinem Konzert nach. Mit Brian Ferneyhoughs „Bone Alphabet“ wird der erste Baustein gesetzt – ein archaisches Bild für die Entstehung von Kommunikationsmitteln und komplexen Codes. In Hans Wüthrichs „Wörter, Bilder, Dinge“ wird Sprachmusik zur Szene. Ausgangspunkt ist ein einfacher Übersetzungsprozess von Sprachlautlichkeit zu Instrumenten, und wieder zurück. Der Schweizer Komponist, der in seinen Werken Dada-Surrealismus, szenische Elemente und klassische Musikformen verbindet, gehört zu den spannendsten Gestalten der Neuen Musik, nicht zuletzt deshalb, weil er neben einem grossartigen Gespür für Kombinatorik auch ein selten anzutreffendes Element gekonnt mit einbezieht: Humor.
Wo von Verbindung von Sprache mit Musik die Rede ist, da darf ein Werk Helmut Oehrings nicht fehlen. Oehring hat sich seit vielen Jahren die Erfahrung mit dem Sprach- und Hör(!)verständnis von Gehörlosen und der Dramaturgie ihrer Zeichensprache auseinandersetzt und arbeitet eng mit dem Ensemble zusammen. Das Werk „Wrong“ wurde für El Perro Andaluz immer wieder neu bearbeitet. Hintergrund des Werkes ist die paradox anmutende Frage: wie klingt Sprache, wenn sie nicht gehört werden kann? Aus der jüngsten Generation wurde der Komponist Nico Sauer mit einer Auftragskomposition betraut, herausgekommen ist die surreale Performance „love me“.

Nico Sauer: Love me (2016) für 9 Spieler

Hans Wüthrich-Mathez: Wörter, Bilder, Dinge (1989/91)

für Streichquartett und Stimme

Brian Ferneyhough: Bone Alphabet (1991/92)
für Schlagwerk solo

Helmut Oehring: Wrong, Schaukeln – Essen – Saft (1993/95)
(aus: Irrenoffensive) für Kammerensemble, Gebärdensprache, Live-Elektronik

 

Dauer: 90 Minuten mit Pause

Dirigent: Lennart Dohms
Oboe: Arnfried Falk
Bassklarinette: Albrecht Scharnweber
Violine: Tomas Westbrooke, Andreas Winkler
Viola: Emily Yabe
Violoncello: Nadezhda Krasnovid
Gitarre: Nico van Wersch
Schlagwerk: Sabrina Ma
Gebärdensolistin: Christina Schönfeld
Gesang: Elisabeth Holmer
Live-Elektronik: Martin Baumgärtel
Tontechnik: Konrad Hartig